Geschichte

Kleine Geschichte der
Hapag-Halle und des Überseeverkehrs in Cuxhaven

Albert Ballin
Albert Ballin 1882 – Gemälde von F. W. Graupenstein

1889

Die Hapag, die Hamburg-Amerika Linie, verlegte auf Betreiben ihres Passagedirektors und späteren Generaldirektors Albert Ballin ihren Liniendienst nach New York vom Hamburger Hafen in das zu Hamburg gehörende Cuxhaven. Die Passagiere wurden mit Sonderzügen zum alten Hafenbahnhof in Cuxhaven gebracht.

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Tenderschiff BLANKENESE bringt Passagiere vom alten Hafenbahnhof (flaches Gebäude links der Mitte) zu dem auf Reede liegenden Schnelldampfer COLUMBIA, einem Schiff der Augusta-Victoria-Klasse.

1891-1896

Die Hafenanlagen in Cuxhaven waren jedoch für die vier Neubauten der Augusta-Victoria-Klasse (160 m lang) ungenügend, daher mussten die Passagiere auf der Reede übernommen werden. Dies führte zum Bau des Neuen Hafens mit zwei Hafenköpfen mit jeweils 120 m Länge an der Elbe.

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Cuxhaven 1891 – Erstes Kreuzfahrtschiff AUGUSTA VICTORIA und erste Kreuzfahrtbordzeitung

1891

Da die Linienschiffe in den Wintermonaten durch das geringere Passagieraufkommen im Transatlantikverkehr nicht ausgelastet waren,  startete im Januar die AUGUSTA VICTORIA in Cuxhaven zu einer „Lustreise in den Orient“. Diese Reise gilt allgemein als Beginn der Kreuzfahrten. Cuxhaven ist somit der Heimathafen der Kreuzfahrten.

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Blick in den Kuppelsaal, dem Wartesaal für die Passagiere der ersten und zweiten Klasse. – Die DEUTSCHLAND am westlichen Kai des Neuen Hafens (heute Lentzkai im Amerikahafen). – Das Portal zum Kuppelsaal, 1953 abgebrochen.

1900-1902

Nach langwierigen Verhandlungen mit der Eisenbahnverwaltung baute der Hamburger  Staat für die Belange der Hapag einen neuen Hafenbahnhof, heute Hapag-Halle genannt (bahnamtlich: Amerikabahnhof). Die Ausstattung des Wartesaals für die Passagiere der ersten und zweiten Klasse (Kuppelsaal) erregte allgemein Bewunderung (erstes elektrisches Licht in einem Gebäude in Cuxhaven). Sie lehnte sich an die mondäne Ausstattung der Gesellschaftsräume auf den Schiffen an, z. B. der DEUTSCHLAND, die 1900 ihre Jungfernfahrt von Cuxhaven nach New York machte und damals das größte und schnellste Schiff der Welt war. Bereits 1900 war die Hapag die größte Reederei der Welt und blieb es auch bis zum ersten Weltkrieg. Längst beschränkten sich ihre Verbindungen nicht nur mehr auf den Verkehr mit Amerika, man war jetzt auf allen Kontinenten präsent. Diese Rolle wurde durch das Portal, das in den Kuppelsaal der Hapag-Halle führte, auch zum Ausdruck gebracht. Hier prangte über den Köpfen zweier Seeleute das Motto der Hapag „MEIN FELD IST DIE WELT“, das leider dem „Modernisierungswahn“ der 50er Jahre zum Opfer fiel.

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Damensalon auf der AMERIKA, die bei ihrer Indienststellung 1905 das größte Schiff der Welt war und bis zum ersten Weltkrieg über 150mal Cuxhaven angelaufen hatte.

1905/1906

Mit der AMERIKA und der KAISERIN AUGUSTE VICTORIA, die ebenfalls im Liniendienst Cuxhaven – New York fuhren, verfügte die Hapag erneut über das jeweils weltgrößte Schiff.

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Bau des Gedeckten Ganges ca. 1909. Nach dessen Fertigstellung 1910 konnten die Passagiere vom überdachten Bahnsteig bis zur Gangway vor Witterung geschützt das Schiff erreichen. Gleichzeitig wurde eine Aussichtsplattform mit Freitreppe auf die Pier für die zahlreichen Zuschauer bei den Schiffsabfertigungen geschaffen.

1910

Da die Hafenanlagen sich für die seit 1900 in Dienst gestellten Schiffe erneut als zu klein erwiesen – diese Schiffe mussten ihre Passagiere ebenfalls wie zu Beginn des Verkehres auf der Reede übernehmen – wurde der 120 m lange westliche Hafenkopf um 60 m verlängert. Die Landanlagen wurden um den Gedeckten Gang ergänzt.

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Zusammenfassung des westlichen und östlichen Hafenkopfes zum heutigen Steubenhöft, an dem am 03.03.1914 erstmalig der IMPERATOR, das damals größte Schiff der Welt, anlegt.

1911-13/14

Nach der Indienststellung der britischen TITANIC ging der Wettlauf um das größte Schiff der Welt weiter. Für die IMPERATOR und die anderen Schiffen seiner Klasse (VATERLAND und  BISMARCK) wurden die beiden Hafenköpfe zusammengefasst und in der Tiefe erweitert. Es entstand dadurch mit 400 m Länge die damals die größte Pier der Welt, das Steubenhöft (erst 1931 so benannt). Der Neue Hafen wurde dabei von 9 ha auf 42 ha zum Amerikahafen erweitert, gedacht als Liege- und Ausrüstungshafen für die Schiffe der Imperatorklasse.

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Hafenbahnhof Hapag-Halle um 1914

1914

Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges herrschte ein nie dagewesener und nie wieder erreichter Eisenbahnverkehr im Bahnhof Hapag-Halle. An Tagen, an denen sowohl ein Schiff von Amerika kam, als auch eins hinfuhr, wurden bis zu 13 Sonderzüge mit bis zu 4.000 Fahrgästen abgefertigt. Da diese Sonderzüge auf der Strecke Hamburg-Cuxhaven vor dem normalen Bahnverkehr Vorrang hatten, kam es für diesen zu erheblichen Verzögerungen. Es wurde daher geplant, die ohnehin schon für den Sonderzugverkehr der Hapag zweigleisig ausgebaute Strecke um ein drittes Gleis zu erweitern, was jedoch der Krieg verhinderte.

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ALBERT BALLIN am Steubenhöft, ein Schiff der Ballin-Klasse, die sich als äußerst erfolgreich erwies. Die vier Neubauten dieser Klasse setzten Akzente in Schiffbau und Ausstattung.

1923-1939

Nach dem ersten Weltkrieg verlor die Hapag aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages den größten Teil ihrer Schiffe. Durch eine geschickte Vertragspolitik gelang es ihr jedoch mit gecharterten Schiffen, die zuvor im Besitz der Reederei waren, wieder eine bedeutende Position im Transatlantikverkehr zu erlangen. Allerdings hatten sich die Verhältnisse im Passagierverkehr nach dem Krieg drastisch geändert. Die Passagierzahlen erreichten niemals wieder die Vorkriegsdimensionen. Dies lag im Wesentlichen an einer geänderten Einwanderungspolitik der USA, die die Zahl der Einwanderer deutlich einschränkte.

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Rückkehr deutscher Soldaten aus britischer Kriegsgefangenschaft. – Artikel im Hamburger Echo (mit Beilage Cuxhavener Nachrichten) zum ersten Transport heimatloser Displaced Persons nach Kanada.

1945-1951

Nachdem der Passagierverkehr am Steubenhöft während des zweiten Weltkrieges, wie auch schon im ersten, vollständig ruhte, war er in dieser Zeit ausschließlich von den Kriegsfolgen bestimmt. Britische Truppentransporte brachten ihre Militärangehörigen in die Heimat zurück, gleichzeitig wurden deutsche Kriegsgefangene hier gelandet und mit der Bahn zur Entlassung nach Munsterlager gebracht. 30.000 heimatlose Displaced Persons gingen über Cuxhaven nach Kanada in die Auswanderung.

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ITALIA, ein Schiff der Home Lines, das ab 1952 den Liniendienst zwischen Hamburg/Cuxhaven und New York wieder aufnahm, dabei auch regelmäßig Halifax in Kanada anlief.

1952

Mit der von der Hapag gecharterten ITALIA wurde der Passagierverkehr Hamburg/Cuxhaven nach New York und auch nach Kanada wieder aufgenommen. Das hölzerne Steubenhöft, an dem während der Kriegs- und Nachkriegszeit keine Unterhaltungsarbeiten durchgeführt wurden, wurde bis 1954 durch einen gleichnamigen Neubau aus Stahl und Beton an gleicher Stelle ersetzt. Es erhielt zur Wasserseite hin ein Empfangsgebäude mit Galerien für Passagiere und Zuschauer, welches mit der Hapag-Halle, der Zollhalle und dem Gedeckten Gang einen über 300 m langen Gebäudekomplex bildet, der seit 1970 unter Denkmalschutz steht.

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Den Höhepunkt der Passagierschifffahrt in den 50er/60er Jahren stellte zweifellos die beliebte HASEATIC dar.

1958-1966/1968

Mit der HANSEATIC wurde das damals größte Passagierschiff unter deutscher Flagge nach dem Krieg in Dienst gestellt. Es löste die ITALIA im Dienst nach New York ab, die sich, wie auch ihre Nachfolgerin HOMERIC, auf den Dienst mit Kanada beschränkte. Beide Dienste standen jetzt unter erheblichem Konkurrenzdruck des Flugzeugs. Dies führte 1963 zur Einstellung des Kanada-Dienstes, im Dienst nach New York wurden viele Linienfahrten gestrichen und durch lukrativere Kreuzfahrten ersetzt. Nachdem die HANSEATIC 1966 in New York brannte und feststand, dass eine Reparatur nicht wirtschaftlich war, gab es 1967 keinen Überseepassagierverkehr am Steubenhöft. 1968 wurde eine 2. HANSEATIC eingesetzt, die jedoch nach New York nur noch vier Linienfahrten machte, danach nur noch Kreuzfahrten.

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1968-2013

Mit der HANSEATIC wurde das damals größte Passagierschiff unter deutscher Flagge nach dem Krieg in Dienst gestellt. Es löste die ITALIA im Dienst nach New York ab, die sich, wie auch ihre Nachfolgerin HOMERIC, auf den Dienst mit Kanada beschränkte. Beide Dienste standen jetzt unter erheblichem Konkurrenzdruck des Flugzeugs. Dies führte 1963 zur Einstellung des Kanada-Dienstes, im Dienst nach New York wurden viele Linienfahrten gestrichen und durch lukrativere Kreuzfahrten ersetzt. Nachdem die HANSEATIC 1966 in New York brannte und feststand, dass eine Reparatur nicht wirtschaftlich war, gab es 1967 keinen Überseepassagierverkehr am Steubenhöft. 1968 wurde eine 2. HANSEATIC eingesetzt, die jedoch nach New York nur noch vier Linienfahrten machte, danach nur noch Kreuzfahrten.

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Führung durch den historischen Passagierterminal Hapag-Halle/Steubenhöft, hier im Gedeckten Gang. – Starker Publikumsandrang bei der Eröffnung der Ausstellung „Faszination Amerika“ in der Galerie des Gebäudes Steubenhöft (August 2008).

Seit 1992

Nach dem Übergang des ehemals hamburgischen Hafenteils in Cuxhaven (Amerikahafen mit Steubenhöft und Hapag-Halle) auf Niedersachsen gab es vielfältige Überlegungen zur weiteren Nutzung der historischen Anlage. Seit 1999 gibt es den Förderverein Hapag-Halle e. V., der im historischen Passagierterminal Führungen und Ausstellungen zum Thema Auswanderung und Passagierschifffahrt durchführt. Im Empfangsgebäude Steubenhöft gibt es die Rahmenausstellung „ABSCHIED NACH AMERIKA“, die den Besucher über den Überseepassagierverkehr von Cuxhaven aus seit 1889 informiert.

Im Bereich der Passagierschifffahrt hat es in demselben Zeitraum gravierende Veränderungen gegeben. Die Kreuzfahrten wurden 2002-2005 durch den Betrieb der letzten deutschen Englandfähre, die von Hamburg hierher verlegt wurde, ergänzt. Leider musste auch diese ihren Betrieb wegen der Konkurrenz zum Flugzeug einstellen. Ebenfalls eingestellt sind seit 2013 die Kreuzfahrten. Hier hat sich der Hafen Hamburg als starker Magnet erwiesen, der diesen Verkehr an sich gezogen hat. Ersatz für den Verlust beider Verkehre ist seit 2015 die Wiedereröffnung des Fährverkehrs über die Elbe nach Brunsbüttel. Die bis zu 10 Abfahrten täglich haben den Betrieb am Terminal und auch im Empfangsgebäude Steubenhöft mit seinen Ausstellungen deutlich belebt.